Pack mer’s – Unterwegs mit Musikerin Alexandra Schmied

Wer auf Bierfesten auftritt, muss abliefern. unsplash.com/@quentindr

Alexandra Schmied tourt mit Steirischer Harmonika im VW Caddy durch die Dörfer und lässt die Leute schunkeln. Doch gute Laune ist harte Arbeit. Der Star des Abends moderiert sich selbst an: „Grüß di! Ich bin die Alex“, sagt Alexandra Schmied zur Wirtin, die hinter dem Tresen der „Wirtschaft zur Linde“ Gläser poliert. „Bist Du zum Bedienen hier?“ fragt eine Kellnerin im grünen Dirndl. „Ich mach die Musik“, antwortet Alexandra. Die Oberpfälzerin hat schon einige Fernsehauftritte hinter sich. Auf der Tür ihres Transporters steht: „1. Platz im Musikantenstadl – Finalistin des Grand Prix der Volksmusik – Immer wieder Sonntags.“ Aber sie steckt es weg, dass sie nicht erkannt wird. Und auch, dass sie ihr Equipment selbst ausladen wird. Das ist sie gewohnt.

Die 26-Jährige mit der weißblonden Ponyfrisur ist so etwas wie eine Außendienstmitarbeiterin in Sachen Alpenromantik. Seit zehn Jahren verdient sie mit volkstümlicher Musik ihren Lebensunterhalt, spielt bis zu 80 Konzerte pro Jahr – auf Volksfesten, Festivals, Firmenfeiern oder Polterabenden. Oft allein, manchmal auch mit ihrer Band Team Alpin. Ihr Repertoire: eigene Lieder, in denen es um den kleinen Flecken Heimat, unberührte Berge und blaue Augen geht. Und Wiesnhits zum Mitschunkeln. Ihr Instrument: die Steirische Harmonika. Ein über 4 Kilo schwerer Klotz aus lackglänzendem Holz, handmattierten Edelstahlbeschlägen und Hirschhorntasten der Marke Strasser. Den hängt sie sich über die Schultern, ruft „pack mer‘s!“ und lässt die Finger tanzen.

Alexandra kann mit irrwitziger Geschwindigkeit „Boarische“ spielen, Volkstänze im 2/4-Takt. Beigebracht hat sie sich das nahezu selbst. Mit 12 Jahren schnallte sie sich zum ersten Mal eine Harmonika um. Der Verkäufer bescheinigte ihr ein Ausnahmetalent. Widerstrebend kauften die Eltern das 5000 Euro teure Instrument und schickten die Tochter zum Unterricht. Nach einem halben Jahr hatte die kleine Alexandra ihren Lehrer an Fingerfertigkeit überholt. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, das sie mit nackten Schultern zeigt: sie hat sie wund gespielt. Jetzt, in der Saison, wenn sie mehrmals pro Woche 4 bis 5 Stunden am Stück auf der Bühne steht, helfen nur Massagen, damit die Muskeln geschmeidig bleiben. „Das, was ich mache, ist Schwerstarbeit“, sagt Alexandra. Aber ihre Steirische gegen ein anderes Instrument einzutauschen, kommt für sie nicht in Frage.

Alexandra Schmied ist Profi – an der Harmonika und in Sachen gute Laune.

Im Hof der Linde sind die meisten Bierbänke um 16 Uhr noch leer. An manchen Abenden bleibt das auch so, und Alexandra muss vor einer Handvoll Zuhörer ihr komplettes Programm durchziehen. Jetzt wuchtet sie erst mal Lautsprechersäule, Lichtorgel und Mischpult aus dem Auto. Ihr Arbeitsoutfit trägt sie bereits: kurze dunkelbraune Krachlederne und ein kariertes Hemd. Die Wirtin schaut aus dem Fenster. Tanja Siebel ist eine resolute kleine Frau mit weinroten Locken. Sie hat Alexandra Schmied noch nie live gehört, aber ihre Videos auf Youtube haben sie überzeugt. Alexandras Hit „Happy Sommerzeit“ wurde immerhin schon über 1,5 Millionen Mal aufgerufen „Eine gute Band zu finden, ist schwierig“, sagt die Wirtin. „Letztes Jahr hatten wir Musiker hier, die waren ihren Sekt nicht wert. Viel zu lange Pausen und kaum einen Ton getroffen. Die Gäste beschweren sich dann bei den Bedienungen und die sich bei mir.“ Am Volksmusikhimmel ist Alexandra Schmied ein Stern – aber in Lichtenau, wo gerade Kirchweih ist, konkurriert sie mit Autoscooter und Kettenkarrussel. Und soll bitte abliefern. Das schafft sie auch: Zwei Stunden später ist in der Linde Hochbetrieb. Über 100 Gäste sitzen draußen, 40 weitere in der Gaststätte. Die Kellnerinnen tragen Schnitzelteller aus der Küche. Stage-Time. Mit der Steirischen vor dem Bauch ruft Alexandra: „Wer lustig ist darf gerne mitklatschen!“ Erst spielt sie eine Polka mit der Harmonika, dann einen Schlager mit Keyboardbegleitung. Etwa 80 Prozent ihres Programms bestimmt sie selbst, den Rest fordert das Publikum per Zuruf oder lautstarkem Ansingen. Seit drei Jahren ganz oben auf der Wunschliste der Zuhörer: „Atemlos“ von Helene Fischer. Ein Song, den Alexandra nicht mehr hören kann. „Wir zieh‘n durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt“, singt sie dann doch und guckt dabei nur ein wenig genervt. Schmied, die Dienstleisterin. Sie scheint damit zufrieden zu sein. „Mir gfallts’s heut richtig guad!“, kommentiert sie den Applaus.

Inzwischen sind ihre Eltern eingetroffen. Die Schmieds begleiten ihre Tochter zu den meisten Auftritten. Herr Schmied setzt einen Korb ab – darin sind Autogrammkarten, Flyer, CDs und „Weiber-Trost“, ein Likör mit dem Foto seiner Tochter drauf.

Noch ist die Stimmung in Lichtenau nicht auf dem Höhepunkt. „Der Franke freut sich halt mehr nach innen“, kommentiert ein Gast. Als Alexandra vom Publikum einen „Juchitzer“ hören will, juchzt deswegen der Papa. „Auf geht’s!“ ruft Alexandra und die erste, die klatscht, ist ihre Mutter. Dass die Wochenenden wegen der Gigs oft verplant sind, stört die elterliche Entourage nicht. „Dank Alexandra haben wir schon viel von der Welt gesehen“, sagt die Mutter. „Wir waren in der Schweiz, den Niederlanden und sogar in Belgien.“

Alexandra Schmied war 13 Jahre alt als sie zum ersten Mal eine Aufnahme bei einem Wettbewerb einreichte. Das blonde Mädchen mit den „verrückten Fingern“ kam gut an. Sie schaffte es unter die fünf besten Akkordeonspieler Deutschlands. Die Eltern kauften extra ein neues Auto, fuhren die Tochter zu Auftritten. 2006 dann: Einladung in den Musikantenstadl. Volksmusik-Olymp! Schmieds Vater weinte vor Freude. Im gleichen Jahr ging Alexandra von der Schule ab. Ihr Ziel: hauptberuflich Musik machen. „In der Grundschule haben mich andere Kinder ausgelacht, weil ich Musikerin werden wollte. Als ich dann zum ersten Mal im Fernsehen auftrat, dachte ich: Jetzt lache ich. Hoffentlich schaut ihr zu.“ Sie hat keine Berufsausbildung. Nur ihr Talent. Die Schule hinter sich zu lassen, fiel ihr leicht. Dass sie oft in der Zeitung war, machte sie zur Zielscheibe. „Ich wurde von meinen Mitschülern gemobbt.“ Auch ihre Lehrer störten die Berichte über die 16-jährige, die in Wildledershorts Festzelte rockte. Einer dichtete ihr sogar eine Affäre mit einem Lokalpolitiker an. Damals habe sie „eine Elefantenhaut entwickelt“, sagt sie. Sie knetet ihrer Finger, während sie davon erzählt. Aber bleibt ganz sachlich. Mit der Musik aufzuhören, daran hat sie nie gedacht: „Das ist wie eine Sucht. Nach jedem Auftritt will ich mehr. Ich bin eine Rampensau.“

Es ist dunkel geworden in Lichtenau. Alexandra Schmied hat das Publikum überzeugt. Für ihr Medley aus Hits wie „Marina, Marina“ und „Morgenmuffel“ gab es Bravo-Rufe. „Freud und Leid gibt es zu jeder Zeit. Aber Dich gibt es nur einmal für mich“, singt sie jetzt mit klarer Stimme. Die Gäste auf den Bierbänken singen lauthals mit. Drei Rentner schwenken, beseelt von der Musik, ihre Gattinnen über den Hof. Über 400 Jahre drehen sich da im Kreis – und wirken dabei frisch verliebt. Ein beschwipster Fan beugt sich über die Musikerin, und versucht nach ihrem Mikrofon zu greifen. Was Alexandra auch entwickeln musste, ist ein Gespür dafür, wie man „ein Star zum Anfassen“ wird. Nahbar zu sein gehört in ihrer Branche dazu. Für weibliche Künstler ist es oft ein Balanceakt. Schmied schiebt den aufdringlichen Fan sachte weg. Wenn sich der Mann deswegen bei der Wirtin beschwert, kann das die Buchung fürs nächste Jahr kosten. Schwierig in einer Region, in der es „mehr Musiker als Einwohner“ gibt, wie sie sagt. Der Terminkalender ist schon bis Oktober 2017 gefüllt. „Ich brauche diese Gewissheit.“ Ihre Chance, auch nächstes Jahr wieder in der Linde zu spielen, stehen gut. Gerade hat die Wirtin ihren Gig um eine Stunde verlängert. „Von der Musik bekomme ich in der Küche nicht viel mit. Aber meistens gehen die älteren Herrschaften nach Hause, wenn sie gegessen haben“, sagt diese mit Blick auf die tanzenden Senioren.

Im deutschsprachigen Raum wird der Umsatz der Mitklatschbranche auf über eine halbe Milliarde Euro geschätzt. In Deutschland sind es die über 50-Jährigen, die das meiste Geld für volkstümliche CDs und Konzerte ausgeben. Mit ihrer Musik erreicht Alexandra Schmied hierzulande also vor allem Menschen, die wenigstens doppelt so alt sind wie sie selbst. Warum sie sich gerade dafür entschieden hat? „Mit dieser Musik kann ich mich am besten ausdrücken“, sagt sie. Doch die Plattform dafür schrumpft. Der Grand Prix der Volksmusik wurde bereits 2010 eingestellt. Im Januar setzte die ARD den Musikantenstadl nach gescheiterter Modernisierung ab. Aus Österreich dagegen kommen die Hoffnungsträger der Szene: der „Alpenrocker“ Andreas Gabalier oder Die Jungen Zillertaler, für deren Konzerte auch die 20- und 30-Jährigen Schlange stehen. Alexandra Schmied zieht es deswegen immer wieder ins Ausland. Ins Zillertal, ihre „zweite Heimat“, wo sie mit Altstars wie den Zellberg Buam auftritt. Oder in die Niederlande, wo ihr im Festivalzelt bis zu 50.000 Menschen zuhören. Die Szene ist so groß, dass Schmied dort einen eigenen Manager beschäftigt. In Deutschland verhandelt sie alle Auftritte selbst, erstellt zuhause Listen für die GEMA, bestückt ihre Homepage, beantwortet Fanpost, tippt ihre Verträge ins Laptop. Dank ihrer „verrückten Finger“ geht die Büroarbeit immerhin schnell.

Ihren bisher größten Gig bekam sie im vergangenen Jahr angeboten. Ein Jahr lang hätte sie täglich für eine Stunde im Walt Disney World Resort in Orlando, Florida auftreten sollen. „Drei Stunden war die Alex mit dem Disney und dem Übersetzer am Telefon“, sagt die Mutter. Dass die Tochter den Auslandsaufenthalt ablehnte, wundert sie nicht. „Dafür ist sie viel zu heimatverbunden. Und sie hätte alles verloren, was sie sich hier erarbeitet hat.“ Alexandra bestätigt das: „Wenn ich jetzt nach Amerika ginge, würden mir die deutschen Veranstalter das sicher nachtragen. Nach dem Motto: Jetzt sind wir ihr nicht mehr gut genug.“ Außerdem baue sie ja gerade ein Haus mit ihrem Lebensgefährten, die Großeltern seien schon recht alt. Sie überlegt kurz: „Wäre ich alleine hätte ich nicht lange überlegt. Aber die Familie geht vor.“ Statt unter Floridas Sonne zu singen tourt Alexandra Schmied weiter mit ihrem VW Caddy jeden Monat Tausende von Kilometer durch die deutsche Provinz. Nachts um zwei, wenn sie „aufgedreht und erschöpft“ nach Hause fährt, fallen ihr häufig neue Lieder ein. Dann hält sie an der nächsten Tankstelle und singt die Melodie ins Handy. Zuhause gibt es dann „eine Tasse Kakao und zwei Folgen von Peter Steiners Theaterstadl.“

Um 23:30 Uhr singt Alexandra das zweite „Atemlos“ des Abends. Die Reihen sind bereits ein wenig gelichtet, dafür tanzt eine Kellnerin im engen Trägertop auf dem Gehsteig. Schmieds Eltern sind zappelig vor Müdigkeit, wollen aber bis zum Ende bleiben. Das leitet ihre Tochter, nach über fünf Stunden, mit ihrem Rausschmeißer ein: „Liebe ist“, die deutsche Version von Bette Midlers Romantikhymne „The Rose“. Ihre Stimme trägt das Lied über den dunklen Hof. „Wunderbar!“ ruft ein Gast als sie verstummt. „Zugabe!“ schreit ein anderer. Aber Schmied muss noch abbauen und einladen. Sie schaltet Musik vom Band an, ausnahmsweise nichts Volkstümliches. Sondern AC/DC.

Jessica Braun für BARBARA, 9/2016

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