Illustrator Jean Jullien: „Ich zeichne nur so mittelgut“

Jean Jullien sucht die Komik im Alltäglichen. Foto: Daniel Arnold

Der Illustrator Jean Jullien zeichnet für international renommierte Magazine, kooperiert mit coolen Modelabels und hat viele Follower auf Instagram. Gerade erschien sein Buch „Modern Life“, das die Tücken des modernen Lebens illustriert: von digitalem Dating bis zu analogem Essen.

Zeichnen Sie, während Sie telefonieren, Herr Jullien?

Fast immer. Gerade zeichne ich Möbel. Möbel, die wie Menschen und Tiere aussehen. Die möchte ich zusammen mit einem Freund produzieren.

Sie arbeiten viel mit anderen Künstlern zusammen: bauen gemeinsam Skulpturen, gestalten Musikvideos, verschönern Skateboards, entwerfen Kleidung. Fällt es Ihnen leicht, den Applaus zu teilen?

Früher war es mir wichtig, meinen Namen unter ein Werk zu setzen. Mittlerweile ist es mir ziemlich egal,
ob ich es signiert habe oder nicht. Viel mehr zählt doch, dass etwas Interessantes entsteht! Und das klappt am besten, wenn ich mit Leuten arbeite, die in ihrem Bereich Experten sind. Meine Kenntnisse sind begrenzt, ich zeichne nur so mittelgut. Es genügt, um das rüberzubringen, was ich ausdrücken will. Aber nicht, um Möbel zu entwerfen. Kollaboriere ich mit einem Möbeldesigner oder einem Modemacher, profitiere ich also auch von deren Wissen. Sie machen meine Arbeit besser. Ist doch nur fair, dass ihr Name neben meinem steht.

Jean Jullien: „Modern Life“, erschienen bei teNeues. 160 Seiten, 24,90 Euro.

Vor einigen Wochen erschien Ihr Buch „Modern Life“. In vielen der über 150 Illustrationen hadern Menschen nicht so sehr mit dem modernen Leben, sondern eher mit der modernen Technik. Macht diese Sie skeptisch?

Im Gegenteil. Mir wird oft unterstellt, ich stünde der Technik kritisch gegenüber, weil ich mich viel damit auseinandersetze. Meine Illustrationen sagen jedoch wenig darüber aus, wie gut oder schlecht diese Technik für uns alle ist. Sie zeigen eher, dass ich nicht gut damit umgehen kann. Ich kann die Finger nur schwer von meinem Smartphone lassen und bin ständig in sozialen Netzwerken unterwegs – eine super Vorlage, wenn man nach lustigen Motiven sucht.

Welche Ihrer Illustrationen bringt Ihr Verhältnis zur Technik am besten auf den Punkt?

Die mit dem Titel „Never Alone“ kommt meinem Lebensgefühl sehr nahe: Ein Mann liegt nachts im Bett und schielt mit einem Auge zu dem leuchtenden Smartphone auf seinem Nachttisch. Das bringt mich zum Schmunzeln, weil ich viele, viele Jahre lang dieser Typ war. Diese kleinen Bildschirme spielen eine immense Rolle in unserem Leben. Sie sind kaum mehr als Details, aber verankern uns fest in der Gegenwart. Das beschäftigt mich. Seit ich ein Kind habe, ist es nicht mehr das Telefon, das mich wachhält. Aber ich glaube, dass viele Menschen diese Situation kennen. Und ich finde, dass mir diese Illustration ziemlich gut gelungen ist – ein Gefühl, das ich nicht oft habe.

Sie haben Ihren Twitter-­Account gelöscht, obwohl dieser großen Zuspruch erfuhr. Ist das Buch für Sie eine Art Schlusspunkt?

In den vergangenen drei Jahren habe ich gearbeitet, als wäre ich ein Livestream. Jeden Tag entstand etwas Neues, und die sozialen Medien haben es mir ermöglicht, diese Arbeiten zu verbreiten und damit viele Menschen zu erreichen. Das hat sich jedoch so verselbstständigt, dass ich mehr und mehr damit beschäftigt war, diese Kanäle zu füttern. Twitter, Instagram und das alles wurde plötzlich zum Vollzeitjob. Für mich war es wichtig, mir das bewusst zu machen. Ein Buch erschien mir ein gutes Medium, um diese Eindrücke zusammen- zufassen. Und um die entstandenen Arbeiten als ein Werk zu präsentieren.

Haben Sie jetzt mehr Zeit für Ihr Kind?

Mein Kind frisst meine Zeit! Aber
ich könnte nicht glücklicher sein. Die Vaterrolle bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig
ist. Und sie bereichert auch meine Arbeit, weil ich mehr hinterfrage. Dabei dachten alle, ich würde ab sofort nur noch Kinderbücher zeichnen.

Sie kommen aus einer Familie, in der Design eine große Rolle spielt: Ihre Mutter ist Architektin und Kuratorin, Ihr Vater Stadtplaner. Wie hat das Ihren Blick auf die Welt beeinflusst?

Sie haben mir beigebracht, dass eine gute Geschichte eine gute Geschichte ist – egal, in welcher Form man sie erzählt. Meine Mutter hat uns Kinder schon mit klassischer und moderner Kunst konfrontiert, als wir noch klein waren. So sind meine Geschwister und ich früh auf den Geschmack gekommen. Mein Vater interessierte sich mehr für Popkultur: Cartoons, Graphic Novels, Animationsfilme, die Bande Dessinée frankobelgischer Comic-Künstler, solche Sachen. Weil meine Eltern nie das eine über das andere stellten, waren Popkultur und Kunst für mich immer gleichwertige Formen der Kreativität.

Mit Ihrem Bruder, dem Elektro­musiker Niwouinwouin, arbeiten Sie auch regelmäßig zusammen. Kriegen Sie sich dabei nicht oft in die Haare?

Wir hatten immer eine sehr enge Beziehung zueinander. Er wurde Musiker, ich Grafiker. Es lag auf der Hand, dass wir zusammen Animationsfilme machen würden. Das Tolle an der Zusammenarbeit mit ihm ist, dass es sich anfühlt als wären wir immer noch zehn Jahre alt. Aufgeregt, albern. Wir sind beide Mittdreißiger, haben uns aber diese kindliche Verspieltheit bewahrt.

Zwei andere Menschen, von denen Sie beeinflusst wurden, sind Picasso und der Fernsehkomiker Seinfeld. Was haben Sie von denen gelernt?

Bei Picasso ging es immer um Kreativität. Darum, all die Ideen, die er hatte, umzusetzen. Sicher hatte er auch Zweifel, hinterfragte sich selbst. Aber er arbeitete kompromisslos weiter, auch wenn sein Werk nicht immer schlüssig war. Diese Freiheit und gestalterische Großzügigkeit bewundere ich sehr. Sie stimuliert mich, macht mir Mut. Seinfeld liebe ich dafür, wie er den Alltag dokumentiert. Der Untertitel der Serie lautete „Eine Show über gar nichts“. Und genau darum dreht sich das Leben oft. Rückblickend ordnen wir alles ein, reden es uns zurecht. Reflektieren über die Dinge, bis sie eine Bedeutung haben. Aber ich glaube, dass unser Leben manch- mal einfach so vergeht, ohne einem höheren Zweck zu folgen. Für mich steckt in diesem Gedanken eine simple Poesie. Die versuche ich einzufangen. Nicht die epischen Momente, die ganz großen Themen. Eher den Witz des Alltäglichen. Wer von uns lebt schon ein außerordentliches Leben?

Jessica Braun für Experience, 03/2016

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